Mittwoch, 21. November 2012

Gedankenfluss

Ich bin froh, dass ich Gott nicht beweisen muss.
Mit Interesse verfolge ich Diskussionsrunden, die sich mit dem Thema Gott, Glaube und Religion befassen. Soviele verschiedene Ansichten. Und jeder hat Recht. Und der Andere hat immer Unrecht. Und dann gibt es noch die Ultratoleranten. Die sagen: Niemand hat die Wahrheit. Das sind die Momente, in denen das Publikum klatscht. "Ich weiß, dass ich nichts weiß" kommt immer gut an. Es ist so harmlos, nett, zahm und tut niemandem weh. Ich will nicht harmlos sein. Ich will nicht nett sein. Ich will nicht zahm sein. Manchmal denke ich, man muss genau das laut aussprechen, was den anderen wehtut. Man muss Dinge sagen, die sich einbohren in den Verstand und das Herz der Menschen. Es ist eine Pflicht. Harmlos, nett, zahm bringt uns nicht weiter.
Ich habe eine subjektive Vorstellung. Ich stehe zu dieser Vorstellung. Ich spreche sie laut aus, wenn man mich fragt. Und es ist mir egal, ob ich mit abfälligen Blicken sanktioniert oder mit einem zustimmenden "Amen" anderer Christen belohnt werde. Falsch. Es ist mir nicht egal, denn ich bin glücklicher über das "Amen" schon allein aus dem Grund, dass ich ein Mensch bin. Und der Mensch braucht bekanntlich Anerkennung und das Gefühl, verstanden zu werden und Teil der Schafherde zu sein.
Die Frage ist aber nicht, was mich glücklicher macht, denn Fakt ist: Auch die abfälligen Blicke gehören dazu, wenn man nicht harmlos, nicht nett und nicht zahm sein will.
Ich erzähle von Gott. Ich erzähle von meinem Glauben. Ich nehme dabei sogar den Namen Jesus Christus in den Mund. Jesus Christus klingt gefährlicher als Gott. Gott klingt für die meisten Menschen nach einer abstrakten Kraft. Es hat fast etwas romantisches. Gott ist Liebe. Gott ist Natur. Jesus Christus klingt nach Fundamentalismus. Jesus Christus. Ein Name. Eine Person aus Fleisch und Blut. Ich glaube an Jesus Christus.
Ich glaube NICHT an Religion. Religion ist von Menschen geschaffen. Religion ist Institution. Was mich wirklich erstaunt ist, dass die meisten Menschen Religion und Glaube in einen Topf werfen. Einmal umrühren und der ganze Brei wird untrennbar. Eigentlich komisch, wenn man bedenkt, dass es vergleichbar ist mit Wasser und Öl. Man kann beides in ein Glas füllen und so lange rühren, wie man will. Es wird sich nicht zu einer Einheit formen. Es ärgert mich, ständig erklären zu müssen, dass Religion und Glaube verschiedene Dinge sind. Dann erwische auch ich mich dabei, wie ich meinen Finger hebe und zu einer moralapostolischen Predigt ansetze, die mich möglicherweise Diskussionen gewinnen, aber offene Ohren und Herzen verlieren lässt. Denn wie kann ich es jemandem verübeln, der nur wenig über Jesus gehört hat? Jesus und Gott sind Kirche. In einer Umfrage in Köln habe ich einmal auf die Frage, wo Gott sei, als Antwort gehört: "Wahrscheinlich im Kölner Dom". Wo sollte er auch sonst sein? Bestimmt nicht in meiner Küche oder bei Ikea. Ich sage: Mein Gott ist in meiner Küche und bei Ikea. Wenn nun also in sämtlichen Talkrunden zum Thema Gott von Kreuzzügen oder Missbrauch in Kirchen durch Priester gesprochen wird, frage ich mich, wieso eigentlich niemand von Jesu Liebe spricht. Wieso erzählen die Menschen keine Geschichten aus ihrem Leben? Wieso dreschen sie mit altklugen Argumenten aufeinander ein, statt ihre persönlichen Erfahrungen zu teilen? Wieso sprechen Christen nicht über das, was sie mit Jesus erlebt haben, statt Moralpredigten darüber zu halten, dass ja unsere ganze Ethik nur auf dem Christentum basiere und dass sich alle brav bei der lieben Religion dafür bedanken sollen? Wieso fragen Atheisten oder Agnostiker nicht nach dem Grund, wie man an Gott glauben kann und was ein Leben als Christ lohnenswert macht, statt aufzuzählen, welche Schuld die Kirche auf sich geladen hat?
Ich bin froh, dass ich an einen Gott glauben kann, den ich nicht beweisen muss. Ich bin froh, dass ich an einen Gott glauben kann, den ich nicht verteidigen muss. Ich kann es nämlich gar nicht, aus dem einfachen Grund, dass ich nur ein Mensch bin. Wie klein müsste mein Gott sein, wenn ich anfangen müsste ihn zu verteidigen?